Yoga im Lebenskampf – Bheda und Abheda

Der Vedānta und Yoga lehren die Einheit, das Überschreiten von aller Teilung und Trennung. Yoga üben heißt, sich in der Welt jenseits aller Unterschiede zu verankern, d.h. in der Einheit. Also in abheda, gebildet aus bheda (Unterschied) und a (= nicht). Analog dazu gibt es auch die Weltbetrachtung (Darśana) der Advaita-Lehren, also die Lehren der Nicht-Zweiheit, gebildet wiederum aus a = nicht und dvaita = Zweiheit. Das Ziel wäre dann auch, die Einheit allen Seins zu erleben.

Bheda und Dvaita, Ha und Tha

In der Welt aber herrschen bheda und dvaita, also Trennung, Zweiheit, Vielfalt, Unterschied, Himmel und Erde, Sonne und Mond, gut und schlecht, Erfolg und Misserfolg. Es geht um Ha und Tha. Es geht um Bemühung. Und dann erscheint uns das Leben manchmal als Kampf.

Vom Lebenskampf berichtet auch die Ilias des Homer. Eine Heldensage, aber wohl kein historisches Ereignis. Ziemlich am Ende verliert auch der Stärkste der Helden sein Leben.

“Hera und Athene sahen es mit Freude; Apollon aber fuhr umwölkt, ein flatterndes schwarzes Verhängnis, zum Schlachtfeld hinunter, trat hinter Achilles, der sich schon anschickte, die Torflügel aus den Angeln zu heben, und schoss ihm einen vergifteten Pfeil in die rechte Ferse, die einzige Stelle, die verletzbar war.”

Franz Fühmann: Die Sage von Trojas Fall dtv 1996 S.148

Bhagavadgita und die Ilias

Ebenfalls als Heldensage darf die Bhagavadgītā bezeichnet werden. Zugegeben, die Gemeinsamkeit beider Sagen sind nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Immerhin trennt ihre Ursprünge mehrere Jahrhunderte und ein halber Kontinent. Schaut man genauer hin sind beide Erzählungen vermeintliche Schilderungen großer Schlachten. Und bei beiden Kämpfen greifen die Götter in entscheidender Weise ein. Und beide Erzählungen stammen in ihrer Schriftform von Autoren, denen seherische Qualitäten zugeschrieben wurden. In Fall der Ilias handelt es sich um Homer, im Fall der Bhagavadgītā um Vyāsa.

Mindestens bei der Gita sind sich die Interpreten einig, dass es sich um eine Darstellung des Menschen an sich in seinem Lebenskampf und die Überwindung aller Hindernisse handelt. Krsna als Inkarnation eines der höchsten Götter kommt dem Helden Arjuna zuhilfe, als dem der Lebensmut zu sinken droht. Krsna unterweist Arjuna im Yoga, um seinen (Lebens-) Kampf zu bestehen und das eigentliche Ziel des Seins zu erkennen. Und Krsna erklärt:

„Selbst wenn du der Übelste aller Übeltäter bist,/wirst du mit dem Boot des Wissens alles Üble überwinden“

(api ced asi pāpebhyaḥ sarvebhyaḥ pāpa-kṛttamaḥ/ sarvam jnāna-plavenaiva vṛjinaṃ santarişyasi) Bhagavadgītā, Kapitel IV, Strophe 36, Übersetzung Rudolf Fuchs, Yogaschule Stuttgart.

Sieg und Niederlage, Erfolg und Misserfolg, selbst Gutes und Übles gehören zur vordergründigen Welt und sind vergänglich. Nur wer sich im Eigentlichen, in der Einheit jenseits der Dinge verankert, und das meint das Wort Yoga, nur der wird inneren Frieden finden.

Betrachten wir aus diesem Blickwinkel noch einmal die Ilias. Der strahlende Sieger, der scheinbar unbezwingbare Achill, wird durch Apollon aus dem Spiel genommen. „Pythagoreer und Platoniker, die Apollon besonders verehrten, waren der Überzeugung, sein Name habe eine philosophische Bedeutung. Sie deuteten ihn als A-pollon („der Nichtviele“), zusammengesetzt aus a- („nicht“, Alpha privativum) und pollón („viel“). Darin sahen sie eine Anspielung auf das Eine, das höchste, absolut transzendente Prinzip, das Gegenteil der Vielheit.

Homer könnte daher auch so interpretiert werden: In der Welt gibt es keinen Sieger. Auch der größte Erfolg ist vergänglich. Der Lebenskampf des Menschen dient einem höheren Ziel. Und vielleicht, so formulieren es die Yogasūtras, hat er, der Lebenskampf, auch zwei Seiten. Nämlich Bhoga (Genuss) und Apavarga (Freiheit). Und wenn dabei die Verankerung in der Einheit, in der Nicht-Vielfalt (in Apollon) geübt wird, ändert das Geschehen seinen Charakter. Wir können die Welt nicht ändern, sagen die Yogins. Aber wir können unsere Betrachtungsweise ändern. Und wenn wir unsere Betrachtungsweise ändern, hat sich alles geändert.

Hinweis zum Bild:
Georg Friedrich Kersting, Kersting – Apoll mit den Stunden, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
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