Odysseus, Sebstian Kneipp und der Held in mir

Sebastian Kneipp (1821 – 1897):

“Gesund bleiben und lang leben will jedermann, aber die wenigsten tun etwas dafür. Wenn die Menschen nur halb soviel Sorgfalt darauf verwenden würden, gesund zu bleiben und verständig zu leben, wie sie heute darauf verwenden, um krank zu werden, die Hälfte ihrer Krankheiten bliebe ihnen erspart.”

Angenommen, wir hätten die besten Ärzte, würden unsere Ernährung sorgfältig zusammenstellen, hätten die besten Fitnessprogramme und würden uns auch diszipliniert daran halten, hätten ausreichend frische Luft, würden wenig Alkohol trinken, keine Drogen nehmen und nicht rauchen – könnten wir uns dann wie Sebastian Kneipp meint die Hälfte unserer Krankheiten ersparen?

Asmita (Ich-Sinn) und Meditation

Unabhängig davon, wie sich das messen ließe, stünde immer noch die Frage im Raum: Und was ist mit der anderen Hälfte?

An diesem Punkt kommt könnte der Yoga ins Spiel. Aber nicht als Allheilmittel. Sondern, so sehen es die alten Yogins, als Arbeit am ersten Zugang  zur eigenen Existenz. Yoga arbeitet am anderen Umgang mit dem Ich-Sinn (asmita). Nicht in der Weise, dass wir den Ich-Sinn niederknüppeln sollten. Das tun nur fanatische Sekten und Radikalweltverschlechterer. Aus Yogasicht wäre ein solcher Versuch der Negation der weltzugewandten Seite unseres Wesens, dem Ich, ein Schlag ins Wasser mit eher negativen Folgen für unser persönliches Wohlbefinden. Es würde auch dem Umgang mit unseren Mitmenschen eher schaden.

Es geht vielmehr darum, auch dem Ich-Sinn mal eine Pause und Erholung zu gönnen. Das nennt man dann Meditation. Tiefe, sehr tiefe Meditation. Sagen Sie nicht, das geht nicht. Sagen Sie nicht, das mache ich nicht. Sie praktizieren das sowieso jeden Tag. Wenn Sie sich dem Traumschlaf überlassen, ist der Ich-Sinn ausgedünnt, wandelbar,  und viel weniger zäh verhaftet mit bestimmten Vorstellungen, Wünschen und Abneigungen. Und im Tiefschlaf herrscht dann spätestens Ruhe. Was wäre unser Sein und unser Ich ohne solche Pausen der Erholung?

Meditation verankert die Pause vom Ich auch im Alltagsbewusstsein. Das ist das Mutigste, was ein Mensch überhaupt tun kann. Eine wahrhaft heldenhafte Leistung. Doch so wie der schlaueste der griechischen Helden, Odysseus, nicht von Troja nach Ithaka einfach zurücksegeln kann, so bedeutet auch Meditation das Überwinden vieler Hindernisse und Hemmnisse, die in uns sind. Odysseus muss zwischen Skylla und Charybdis hindurch, er muss den Zyklopen überwinden, er muss sich den Sirenengesängen aussetzen, nur mithilfe des Hermes kann er der Zauberin Kirke widerstehen und auch die schönen Jahre bei der Nymphe Kalypso muss er hinter sich lassen. Erst dadurch gelangt er ans Ziel. Nur so kann er sein Glück mit der Heimkehr nach Ithaka finden.

Weder Odysseus noch der Mensch ersparen sich die Irrfahrt

Und so wie Odysseus erst dadurch ein Held wird, dass er sich seinem Schicksal stellt, so wird der Mensch erst zum Menschen, wenn er die Mitte in sich selbst findet. Jńāna-Mudra, die bekannte Hand-und Fingerhaltung eines meditierenden Yogins, ist die körperlich geübte Erinnerung an die eigene Selbstfindung. Das Ich, symbolisch dargestellt durch den Zeigefinger, gibt sich seinem Ursprung, symbolisch dargestellt durch den Daumen, zurück. Und weil das eine wahrhaft heldenhafte Leistung ist, ist bei virāsana, der Heldenhaltung, die Geste Jnana-mudra immer mit dabei.

Und das heißt, um zu Sebastian Kneipp und der Ausgangsfrage zurückzukommen: die andere Hälfte der Schwierigkeiten des Lebens können wir uns vielleicht genauso wenig ersparen wie Odysseus sich seiner Irrfahrt entziehen kann. Zyklop und Kirke warten auf uns. Was uns vielleicht aber möglich ist: Wir könnten eventuell besser innerlich darauf vorbereitet sein.