Yoga und Erklärungen

Erklärungen haben im Yoga eine begrenzte Reichweite

Natürlich wollen wir als Yogaübende und aufgeklärte westliche Menschen den Yoga verstehen, wenn wir uns dem Yoga nähern. Wir wollen wissen, worum es dabei geht und wie die Übungen wirken. Und Indiens neuer Yogaminister will Yoga als Heilmethode einsetzen. www.spiegel.de/spiegel/print/d-132040396.html

Das wir mit unserer Suche nach Erklärungen bald an eine Grenze stoßen, liegt nicht an unserem mangelnden Begriffsvermögen, sondern liegt in der Natur der Sache.
Es geht im Yoga um einen Ebenenwechsel. Wenn wir Āsanas einnehmen, geht es nicht darum, den Körper perfekt zu gestalten. Es geht auch nicht um direkte physiologische Ergebnisse. Es geht darum, über Āsana Prāņāyāma zu erleben. Prāņāyāma kann man nur sehr unzureichend mit Atemübung oder Atembeherrschung übersetzen. Es geht darum, einer anderen Dynamik, der Lebenskraft in uns, beizutreten und die gewohnte willentliche Steuerung zugunsten einer anderen Ebene des Bewusstseins zu überschreiten.

Wenn wir Prāņāyāma sind, können wir nicht bei der Erklärung sein

D.h., wenn Sie in Prāņāyāma sind, können Sie von der Erklärung nichts mehr wissen. Prāņāyāma erklärt sich selbst. Und wenn Sie bei der Erklärung von Prāņāyāma sind, wissen Sie von Prāņāyāma noch nichts. Zur Erläuterung eine Analogie: Wenn Sie etwas über Schlaf erklärt bekommen, schlafen Sie nicht. Wenn Sie schlafen, hilft Ihnen die Erklärung zum Schlaf nicht viel. Da gibt es ein einfaches Entweder – Oder.

Einstimmung in Hatha-Yoga

Es gibt sehr schöne Geschichten aus der indischen Mythologie. Sie erklären viel oder nehmen unseren Verstand bis an die Grenze seiner Möglichkeiten des Wissens mit. Größer als die Bedeutung von Yoga-Erklärungen ist die Bedeutung der Yoga-Märchen vielleicht dadurch, dass sie uns in bestimmter Weise einstimmen. Wenn Märchen oder Geschichten der indischen Mythologie nicht im Sinne des Verstandes vollständig unseren Intellekt befriedigen, so hat das eher Vorteile. Denn dadurch bliebe eine fragende Haltung erhalten, mit der wir uns dem Yoga, auch dem Hatha-Yoga, viel eher nähern können als mit abgeschlossenen Vorstellungen.

Dennoch benötigen wir Yoga-Erklärungen

Und darüber hinaus sollten wir auch wissen, dass der westliche Mensch zur Einstimmung Erklärungen benötigt. Der westliche Mensch liebt Erklärungen, weil er sie mit Wissen gleichsetzt. Und Wissen hat mit Recht in der westlichen Welt wie auch im Yoga eine herausragende Bedeutung. Dass es ein Wissen jenseits der Worte geben könnte, ist für uns zunächst jenseits unseres Vorstellungsvermögens. Wir fürchten dann vielmehr, in einem Stadium der Unmündigkeit gehalten zu werden. Ohne die geliebten Erklärungen kommen wir daher nicht in eine Stimmung, uns auf Neues einzulassen. Solange wir nicht dabei stehen bleiben, solange wir den Ebenenwechsel zulassen, solange wir die fragende Haltung mit hinein in die Übung nehmen, können Erklärungen daher trotzdem ein Einstieg sein.