Yoga, Alltag und Erholung

Konzentration und menschliche Schwäche

“Um hervorragende Arbeit zu leisten, müssen Sie einen reinen Verstand haben. Sie dürfen nur an die Mathematik denken. Alles andere ist menschliche Schwäche. Wer Preise annimmt, zeigt menschliche Schwäche” (aus Süddt. Zeitung Nr. 80 Wochenendbeilage S. V2/V3, Sa./So 6./7.4.2013). Michael Gromow, russischer Mathematiker, erklärt so die Ablehnung von Grigorij Perelmann, von der Süddt. Zeitung in dem angeführten Artikel als der genialste zur Zeit lebende Mensch bezeichnet, den Preis von 1 Million Dollar durch das Clay-Institut in Massachusetts für den Beweis der Poincare-Vermutung anzunehmen. Der eine oder andere von uns hätte da vielleicht nicht nein gesagt.

Aus Yogasicht muss die Erklärung nicht sofort ganz verworfen werden. Swami Vivekananda schreibt z.B. in seinem Buch “Raja-Yoga”, Bauer-Verlag, S.47: “Was taten all die großen Propheten, Heiligen und Seher? Sie vollendeten sich in einem einzigen Leben, sie dachten an nichts anderes, sie lebten keinen Augenblick einer anderen Idee, und so verkürzte sich ihnen der Weg. Konzentration bedeutet Steigerung der Verwandlungskraft.” Vivekannda scheint da ähnlich zu denken. Aber er schreibt andererseits in seinem Buch Karma-Yoga, wer an Reichtum interessiert wäre und ständig an Geld denkt, soll sas erst einmal ausleben, bevor er sich eine Abkehr vom Reichtum abzwingt, die er dann doch noch nicht leben könne.

Yoga kennt zwei Antriebe in der Welt und damit im Menschen: Bhoga und apavarga. Bhoga meint Genießen (im Wort bhoga steckt das Wort essen) Und apavarga, d.h. Befreiung (s. Yoga-sutras II/18).
Nur eines dieser beiden Lebensprinzipien zu verfolgen könnte schwierig sein. Denn sie gehören zu unserer inneren Natur. Wer nur Genussmensch sein will, oder auch “Tatmensch” und immer aktiv, wird Schwierigkeiten haben, sich ausreichend zu erholen. Denn es fehlen ihm die dafür notwendigen Momente der Kontemplation. Es fehlen ihm die notwendigen Momente des “Innehaltens”.
Aber auch wer nur  ganz nach innen gekehrt sein will und auf alle Äußerlichkeiten verzichtet, könnte sich seinem eigenen Wesen unangemessen gegenüber verhalten. Gut, es gibt Menschen, die sind vielleicht zum Mönchtum geboren. Aber bei den meisten Menschen folgt auf eine Phase des Rückzugs und der Erholung eines Phase der stärkeren Orientierung nach außen. Dieser Wechsel zwischen beiden Orientierungsrichtungen des Bewusstseins findet täglich statt. Wer sich über längere Zeit beobachtet, wird vielleicht aber auch Tendenzen und Verschiebungen über längere Zeitabschnitte an sich bemerken.
Aus Yogasicht treten beide Tendenzen, also das welthafte und das spirituelle Streben, in keine Konkurrenz zueinander. Jedenfalls nicht zwangsläufig. Aus Yogasicht folgen sie im Gegenteil natürlicherweise aufeinander. Und nach sogenannten Hochständen, auch nach äußeren Erfolgen, vielleicht auch nach anstrengenden Prüfungen in der Ausbildung, folgt wahrscheinlich erst einmal eine Phase, in der man etwas Schwung an sich vermisst. Es wäre aus Yogasicht völlig normal. Dann wäre einfach wieder eine Zeit angesagt, in der sich die Lebenskräfte von neuem von innen aufbauen.
Man könnte also durchaus sowohl die völlige Konzentration auf ein Problem üben – um in der Phase der Entspannung und Regeneration, in einer Phase, in der sich natürlicherweise erst einmal neuer Schwung aufbauen muss, den Preis trotzdem annehmen. Das ist natürlich ein verführerischer Gedanke – aber aus Yogasicht nicht falsch.
Wie ist das dann mit dem reinen Geist aus Yogasicht? Nun, Reinigung – sauca, wichtiger Bestandteil der niyamas und elementarer Bestandteil der Yogasutras – könnte man am besten als das Vermeiden von Ablenkungen  verstehen. Alles was ablenkt in der Phase der Konzentration auf ein Problem und seine Lösung, wäre störend und könnte man als Verunreinigung des Geistes ansehen. Aber nach der Problemlösung, oder nach der Meditation, in der Phase, in der man sich wieder mehr dem Genießen zuwendet, wäre es töricht, sich weiter zu kasteien. Es könnte sogar richtggehend ungesund sein.
Alles also zu seiner Zeit. Im Yoga gibt es dafür den Begriff “viveka”: Die Kunst der Unterscheidung.

Bild:  Bartholomä am Königssee vor dem Watzmann / Yogawoche 2013