Sthiti jenseits von richtig und falsch – Rumi

Sthiti und Asana

Die Bewegung dient der Nicht-Bewegung

“Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“ – Dschalâl-ed-dîn Rumî, afghanisch-persischer Mystiker, zitiert aus: Gewaltfreie Kommunikation, Marshall Rosenberg

Eine Übung richtig zu machen ist vielleicht besser als eine Übung falsch zu machen. Aber es ist noch nicht Yoga. Denn es steht immer noch das Machen im Vordergrund und Yoga beginnt erst dann, wenn Sie aufhören, etwas „machen“ zu wollen. Sonst bleibt es bei aller Bemühung bei Gymnastik. Asana, das Einnehmen einer festen und angenehmen (Sitz-) Haltung, ist nicht Bewegung, sondern betont die Nicht-Bewegung. Also den Halt.

Und die vielen Bewegungen und Verrenkungen dienen lediglich dazu, die Nicht-Bewegung zu verdeutlichen und zu markieren. Und all das, was den Yoga gegenüber anderen Formen der körperlichen Betätigung vielleicht übenswert macht, finden wir im Yoga nicht in der intelligenten und geschickten Ausführung einer Bewegung, sondern in der Betonung und der geschickten Herausarbeitung des Innehaltens. Aus Sicht von Selvarajan Yesudian macht diese Unterscheidung auch den Sinn des Wortes Hatha aus. Ha = Sonne – Tha = Mond, wobei Sonne und Mond die beiden Pole Spannung/Entspannung symbolisieren. Oder, um es mit den Worten der Yoga-Sutras zu sagen: Wir bewegen uns im Yoga zwischen den beiden Extremen von Übung (abhyasa) im Wechsel mit Loslösung (vairagya).

Unzulänglichkeit des richtigen Tuns

Um die Unzulänglichkeit des richtigen Tuns im Yoga zu veranschaulichen, verweise ich auch immer auf die Analogie von Meditation und Schlaf. Das Erreichen beider Bewusstseinszustände erfordert nicht so sehr aktives Tun, sondern eher, sich einem willentlich nicht steuerbaren Prozess zu überlassen. Oder anders ausgedrückt: Solange Sie etwas über Schlaf wissen und entsprechend handeln, schlafen Sie nicht. Und wenn Sie schlafen, handeln Sie im alltäglichen Sinn des Wortes nicht mehr und Ihr Wissen vom Schlaf hat keine Bedeutung mehr.

So ist das auch beim Yogaüben: Solange Sie noch handeln, sind Sie noch nicht in Āsana. Richtige und falsche Körperbewegung unterscheiden sich da nicht qualitativ voneinander. Ein Ebenenwechsel hat noch nicht stattgefunden. Der Zustand Āsana tritt ein, wenn Sie die Urverbundenheit aller Dinge, also auch die Urverbundenheit der Dinge mit Ihrem Körper, erleben. Die Sūtras nennen dieses Erlebnis „sthiti“. Sie erleben Ihren Körper fest und angenehm, vergleichbar vielleicht mit der unverrückbaren Präsenz eines Berges im Kosmos dieser Welt. Näher lässt sich dieses Erlebnis von sthiti wahrscheinlich nicht beschreiben.

Körperhaltung als Vorbereitung für Āsana

Trotzdem werden Sie beim Einschlafen auf eine angenehme Temperatur achten, eine passende Decke, ein ausreichend großes Bett, ein ruhiges Zimmer und eine günstige Lagerung. Ebenso ist beim Hineingehen in die Körperhaltungen einiges zu beachten. Aber ebenso wie wir vor lauter Müdigkeit auch schon mal vor dem Fernsehapparat oder beim Lesen einschlafen, kann Āsana ganz spontan sowohl aus einer richtigen als auch aus einer weniger geeigneten Körperhaltung entstehen. Verständlich wird diese Aussage aber nur, wenn wir Yoga als Hinführung in eine andere existenziell vorhandene Realität verstehen, die jenseits von richtig und falsch erfahrbar wird.