Geduld und Ungeduld – notwendige Tugenden im Yoga

Rudolf Fuchs, seit bald fünfzig Jahren in Stuttgart als Yogalehrer aktiv, schrieb diese Woche (47/2013) auf sein Übungsblatt: Dass das klar ist: Der Yoga vertritt den Standpunkt des Gleichgewichts. Das heißt, Yoga verliert sich nicht einseitig in „Schönheit“, „Erfolg“, „Ruhe“, usw. Sogar das Sakrale und das Profane bilden eine untrennbare Einheit.

Wer nur Erfolg hat, wer nur gesund ist, so könnte man beispielsweise dazu ausführen, landet wahrscheinlich nicht im Yoga. Denn welchen Grund

Yoga-Cakra Erde - Tagore
“Gott schläft im Stein” – Bild Dagmar Frasch

sollte ein solcher Mensch haben, geduldig Yoga zu üben? Wer immer ruhig bleiben kann, ohne sich irgendwie darum bemühen zu müssen, welchen Grund sollte so jemand haben, seine Selbstbeherrschung weiter zu  steigern? Es ist ganz einfach: Auf der Yogaübungsmatte landen wir, wenn wir in uns Unruhe oder gelegentliches Missvergnügen an uns selbst verspüren. Und wenn wir registrieren, dass bekannte Mittel unseres eigenen Kulturkreises wie z.B. Sport, ab und zu ausschlafen, Urlaub machen oder sonstige Ablenkungen uns keine wirkliche Ruhe mehr  verschaffen. Wenn eine unbestimmte innere Unrast nicht mehr einfach so nach gewisser Zeit verschwindet oder wenn wir innerlich einfach nicht mehr richtig abschalten können, dann sind wir oft erst bereit, uns auf neue, unbekannte Methoden  einzulassen. Yoga bietet sich hier als eine Methode an, um wieder zu uns selbst zu finden.

Je eher wir uns dann auf eine gewisse Regelmäßigkeit beim Yoga üben einlassen, desto eher werden sich vielleicht gewisse Erfolge einstellen. Und dennoch werden wir immer wieder auch an Grenzen des Übens herangeführt.

Denn Yoga bleibt beim Erwerb von Übungserfolgen stehen, weil Yoga nicht beim vordergründigen „Ich“ stehen bleiben kann. Machen sie ganz spontan einmal eine der wichtigsten Übungen des Yoga überhaupt: Jnana-mudra, die Geste des Wissens. Biegen Sie Ihren Zeigefinger zum Daumen zurück, so dass sich die beiden Fingerkuppen berühren. Die drei anderen Finger lassen Sie leicht gestreckt. Die Aussage dieser Mudra ist: Das „Ich“, und das Symbol für das „Ich“ ist der Zeigefinger, gibt sich seinem Ursprung, (und das Symbol für den Ursprung und die Urkraft in uns ist der Daumen) zurück. Yoga ist von allem Anfang an darauf angelegt, über das Vordergründige unseres Wesens, über das Tagesbewusstsein hinauszuführen. Yoga führt in die eigene Mitte, in die Tiefe des Unbewussten, weil dort, so vermuten Yogaübende, unsere eigentlichen Kräfte schlummern.

Wäre alles innerhalb des Übens machbar und erreichbar, könnten wir auf den Daumen, auf den Ursprung  verzichten. Die Möglichkeiten des Tagesbewusstseins sind aber begrenzt. Die Mitte unseres Wesens besteht aber darauf, mit einbezogen zu werden. Und hier kommt unsere Ungeduld ins Spiel: Wir spüren, mit den Möglichkeiten des Tagesbewusstseins erreichen wir keine wirklich tiefe Entspannung. Die Gedanken kommen nie ganz zur Ruhe. Wir bemühen uns, und doch scheint es nicht weiter zu gehen. Wir verausgaben uns bei unserem Streben, und dennoch erreichen wir einen „Toten Punkt“. Unser guter Wille erfährt eine Krise. Aber genau in einer solchen Phase sind wir eher bereit, uns von unserem vordergründigen Erwartungshaltungen an uns selbst zu lösen. Und genau dann, wenn das „Ich“ des  Tagesbewusstseins sich einmal eine Pause gönnt, sich nicht weiter einmischt, die Dinge geschehen lässt, genau in einem solchen Augenblick ist es dann oft soweit: Eine tiefe Ruhe stellt sich ein, das lästige Grübeln verweht, die innere Unzufriedenheit löst sich auf und macht einem Gefühl der gelösten inneren Freiheit Platz.

Zur Übung gesellt sich im Yoga notwendigerweise immer ein zweites: vairagya – Loslösung.

Wären wir immer geduldig, so würden wir diesen Punkt der Verausgabung nie erreichen. Es braucht wie immer beides: Die Geduld des guten Willen, aber auch seinen Gegenpol, die Ungeduld unserer Sehnsucht nach Glück.

 Bild: Dagmar Frasch, Cakra Element Erde

“Erlösung ohne Erlöser”, Spiegel-Artikel über westlichen Körperkult im Yoga