Sonnenaufgang am Kultstein in Finale Ligure – Darshana

Ein Erlebnis der besonderen Art – Yoga-Darshana

Ein Erlebnis der besonderen Art erwartete uns beim Besuch eines prähistorischen Kultplatzes in Norditalien nahe Finale Ligure. Lorenzo Carlini, der Hotelbesitzer des Hotels Florenz und Gastgeber der Yogawoche 2017 (nebenbei auch Ökobauer), hatte uns dorthin geführt und davon berichtet, wie man durch den Durchstich in einem Kultstein dort zur Tag- und Nachtgleiche am 21. März und am 21. September den Sonnenaufgang am gegenüberliegenden Horizont beobachten kann. Die Erschaffer dieser nicht sehr großen, aber doch beeindruckenden Kultstätte haben vor etwa 2500 Jahren mit dieser Anlage Ihr Wissen dokumentiert und der Nachwelt hinterlassen.

Sonnenaufgang und Darshana

Auch für uns, die wir heute technisch sehr viel aufwendigere Sternwarten kennen, ist es eine staunenswerte Erfahrung, wenn wir in freier Natur einem solchem Zeugnis uralten Wissens begegnen. Trotzdem sei die Frage erlaubt, inwieweit wir bei solch einer touristischen Veranstaltung heute noch die Mitnahmekraft einer solchen Kultstätte spüren können und in einem existenziellen, auch spirituellen Sinn berührt werden.

Für die Zeitgenossen der Erschaffer des Kultsteins, so darf man spekulieren, war der Sonnenaufgang am 21. März sicher Teil einer größeren jahreszeitlichen Ordnung. Und die jahreszeitliche Ordnung war wiederum Teil einer starken Ordnung und Weltbetrachtung von äußerer Natur, innerer Natur und spirituellem Erleben sowie der Wahrnehmung entsprechender Wechselwirkungen. (Im Yoga heißt so eine Mitnahmekraft entfaltende Weltbetrachtung Darshana).

Surya bhedana als Beispiel

Ähnlich ist es vielleicht mit dem Yoga und den Yogaübungen, den Asanas. Nehmen wir surya bhedana als Beispiel. Wir stellen die Hände körbchenförmig auf die Bauchdecke unterhalb der Rippenbögen und lenken beim Ausatmen imaginativ Kraft durch die Arme in die Mitte, das Sonnengeflecht (Solar plexus). Das könnte eine bestimmte, begrenzte körperliche, vielleicht auch geistige Wirkung entfalten. Ohne die Einbettung in einen übergeordneten Zusammenhang von innerer Natur, äußerem Erleben und Wechselwirkung mit allen existenziellen inneren und äußeren Erlebnisebenen des Menschseins bliebe die Übung wie jede andere Asana nicht viel mehr als eine touristische Attraktion. Wir nehmen sie wahr und staunen ein wenig. Aber sonst geschieht nicht viel mit uns, jedenfalls nichts jenseits unseres bisherigen Erlebnishorizontes.

Für unseren Anspruch, den Urgrund, die Anbindung an das Wesentliche in uns zu erleben, wie es dem Anspruch des Yoga entspricht, ist das zu wenig. Dazu muss die Übung in eine übende Ordnung eingebunden sein, die verbunden mit der regelmäßigen Ausführung die drei existenziellen Ebenen von Körper, Prana (Lebenskraft) und Citta (Denkorgan) rhythmisieren und ordnen kann.

Für Lorenzo Carlini, so schien es mir, war dieser Kultplatz Teil einer wunderbaren Landschaft, vor allem aber auch ein magischer Ort, der ihn zum Wesentlichen seiner Lebensphilosophie und seines Umgangs mit der Natur hinführt.